Ludwig Devrient

        
         Ludwig Devrient was the most celebrated actor at the Royal Theater (and thus is all Berlin) at the end of the 1820s and beginning of the 1830s. This article appeared in Adolf Glassbrenner's Berliner Don Quixote, on 2 July 1833, continued on 4 July 1833.
       Einige noch unbekannte Notizen aus dem Leben Ludwig Devrient's
        Dieser große Künstler wurde in Berlin am 17ten December 1784 geboren. Schon im vierten Jahre verlor er seine Mutter. Der Vater übergab ihn einer französischen Gouvnante zur Erziehung, welche das Kind haßte, und es mit der ganzen Härte einer tyrannischen Stiefmutter behandelte. Der lernbegierige Knabe kam in die hiesige Hartungsche Schule und machte gute Fortschritte; aber schon in seinem zehnten Jahre brachten ihn die Züchtigungen seiner Gouvernante zur Verzweiflung. Eines Tages ließ sie ihn, eines kleinen Vergnügungs halber, ausgespreizt mit Händen und Füßen auf zwei Stühle, band ihn dort fest und schlug unbarmherzig auf ihn los. Jetzt entstand in unserem Ludwig der Vorsatz, das väterliche Haus zu verlassen, denn Klagen des Glup (so nannte ihn die Gouvernante seiner großen Augen wegen) wurden sowohl, wie diejenigen seiner Geschwister, vom Vater nicht beachtet. Dieser reiste kurze Zeit darauf zur Messe, und während seiner Abwesenheit führte der kleine Ludwig sein kindisches Vorhaben aus. Er richtete seine Schritte zuerst nach dem Thiergarten, aber schon bei den Zelten stellten sich die ersten Unbequemlichkeiten seiner Reise ein; er empfand einen bedeutenden Hunger und Durst. Diesen befriedigte er durch ein Paar Neigen Bier, welche die Gäste in dem Etablissement übrig gelassen hatten, und den Hunger vertrieb er sich, wenn auch nur nothdürftig, durch die von Haus mitgenommene Buttersemmel. So gestärkt wanderte er rüstig weiter bis nach Charlottenburg. Hier begegnete dem kleinen Ausreißer ein Soldaten-Fuhrwerk, das ihm auf sein flehentliches Bitten einen Platz gewährte, und ihn über Potsdam bis Treuenbrietzen brachte. Hier bleib er bei den Soldaten in der Kaserne, verpflichtete sich denselben durch kleine Dienstleistungen, und derselbe Mann, welcher später den höchsten Rang in Thaliens Tempel bekleidete, war hier als Knabe immerfort mit Butter, Schnaps u.s.w. belastet, welche Bedürfnisse der Soldaten er zusammenholen mußte, um sein junges Leben nothwendig zu fristen!
       Endlich erbarmte sich einer seiner Herren, den der Ludwig zu gut für solche Beschäftigung dünkte, und brachte ihn zu dem Prediger des Orts. Diesem gestand er seine strafbare That, suchte sie aber auch durch die harte Behandlung im Hause des Vaters zu entschuldigen. Der Geistliche behielt ihn einstweilen bei sich, benachrichtete den Vater davon, schrieb ihm die Ursache der Entweichung Ludwig's und nahm ihm sein Ehrenwort ab, als Vater seiner Kinder zu handeln, und nicht fremden Leuten unumschränkte Gewalt in seinem Hause zu lassen. Dies wirkte; die Gouvernante bekam ihren Abschied und der kleine Ludwig wurde in Triumph von den Seinigen nach Berlin zurückgeführt. War er früher ein Opfer der Willkuhr und der Tyrannei, so wurde ihm jetzt als ein wiedergefundenes Glied der Familie Alles zu Gute gehalten, und durch alle nur erdenkliche Güte und Nachsicht suchte man den kleinen Märtyrer für die ausgestandene Pein zu entschädigen. Er wurde dadurch, mit seinen eigenen Worten zu reden, "ein kleiner Schalk."
       Er beschloß seine erste Ausflucht in die Welt. Der Wunsch seines Vaters, sich dem Kaufmannsstande zu widmen, war nicht der seinige, doch mußte er sich fügen und kam in eine Material-Handlung als Lehrling. Hier wurde ihm eines Tages von seinem Herrn der Befehll ertheilt, eine Kanne Syrup aus dem Faße im Keller zu holen. Zum Unglück kam in diesem Augenblicke die aufziehende Wache mit schöner Musik vorüber, und Devrient, von jeher ein leidenschaftlicher Verehrer derselben, stürzt aus seiner Unterwelt hinauf um sich durch die für ihn himmlischen Töne ganz in der Nähe entzücken zu lassen. Die Wache zog vorbei und er stieg traurig in den Keller hinab. Aber wie ward ihm, als er, da unten angelangt, in einen See von Syrup trat, und sich augenblicklich für den Schöpfer desselben erkannte? In seiner musikalischen Entzuckung hatte er den Hahn der großen Tonne zuzudrehen vergessen, und diese nicht ermangelt, sich ihrer beschwerlichen, wenn auch süßen Last zu entledigen. Da stand nun der zerknirschte Knabe und schaute wehmütig in die dunkle Fluth, bis ihn endlich die Donnerworte seines Principals aus seiner Betäubung weckten. Er stammelte Etwas von seiner Liebe zur Kunst, was als Entschuldigung dienen sollte, aber sein Herr kannte keine andere Musik als die der einzelnen Groschen, und wollte unsern Devrient nicht mehr haben; er kam nach Potsdam in eine Bandfabrik. Hatte er dort das Unglück, als ein Opfer der Verehrung für Musik zu fallen, so wurde ihm hier ein gleiches Loos durch seine Gutmüthigkeit! Das Taschengeld, welches er von seinem Vater erhielt, setzte ihn in den Stand, die armen Gesellen und Lehrlinge der Fabrik durch kleine Gaben zu unterstützen. Mit ihrer Dankbarkeit hätte er sich freilich begnügen können, allein er gab seinem Wohlthätigkeitssinn eine so große Ausdehnung, daß er den armen Leuten, welche Band und sonstige Bedürfnisse bei ihm kaufen wollten, die Bezahlung erließ, und so lockte er immer mehr und mehr Käufer herbei, die sich sein gutes Herz zu Nutze machten, und durch Thränen und Klagen manche Elle Band eroberten. Das Ende vom Liede war, daß der Principal, dem dieser ganz neue Betrieb seines Geschäftes nicht zu gefallen schien, und der sich keinen Vortheil aus solcher großen Kundschaft berechnen konnte, ihn nöthigte, sein Geschäft zu verlassen.
       Schon früher war es Ludwigs höchste Lieblings-Beschäftigung, die damaligen dramatischen Erzeugnisse eifrig hinter dem Ladentisch zu lesen und zu studiren, durch welche, mit Hilfe seiner lebhaften Phantasie, für ihn die Außenwelt verschwand und höhere Regionen sich seinen Blicken öffneten. Seine Vorgesetzten brachten ihn leider immer zu früh in die rauhe Wirklichkeit zurück, aber die Wonne konnten sie ihm doch nicht rauben, seine sonntägliche Muße-Stunden im Theater zuzubringen, und sich zu ergötzen an den großen Gestalten der Poesie und der Kunst, die sein ganzes Wesen mit sich fortrissen, und endlich den Gedanken in ihm entweckten: selbst ein Schauspieler zu werden. Und diesen Gedanken beschloß er seinem Vater bei seiner Ruckkehr aus Potsdam unumwunden mitzutheilen. Es geschah; -- aber sein Vater heilt diesen Vorsatz für keinen ernsten, sondern für eine jener flüchtigen Ideen des Jünglings, in dessen Brust eine Neigung die andere verdrängt, weil alles Neue in ihr seinen Eindruck nicht verfehlt. Er schickte seinen Sohn zum Einkassieren alter Schulden nach Rußland, und dieser, zum Erstenmale die wonnige Freiheit einathmend und im Besitze des vielen Geldes, befolgte den Willen seines Vaters, "sich Nichts abgehen zu lassen," in so hohem Grade, daß er, statt Handlungshäuser zu besuchen, zuerst die russische Sprache lernte dann aber tanzen, reiten, fechten und nebenbei als großer Herr lebte.
       Der Vater, dem die Sache endlich zu lange dauerte, rief seinen Sohn nach Deutschland zurück, und wurde, als dieser mit leerem Geldsacke seinem Befehle Genüge leistete, so erzürnt, daß er durchaus Nichts mehr mit ihm zu thun haben wollte. So stand denn unser Devrient zwar verlassen da, aber es war ihm auch Niemand mehr hinderlich, seine theatralische Laufbahn zu beginnen. Er wurde, 19 Jahre alt, unter dem Namen "Herzberg" Mitglied der reisenden Lang'schen Gesellschaft, dessen Direktor sich zu jener Zeit grade in Berlin aufhielt. Aber so schön sich Devrient das Bühnenleben früher gedacht hatte, so wenig schien es ihm zu gefallen, als er's kennen lernte. Er wollte Liebhaber und Helden spielen, und mit Beifall überschüttet werden, aber er bekam nur sehr bedeutend kleine Rollen, und selbst in diesen konnte er die Gunst des Publikums nicht erlangen. Als Beweis davon mag folgende Anecdote dienen, welche er selbst in späterer Zeit öfter erzählte. "Ich hatte," sagte er, "weil ich ziemlich schreiben konnte, neben meinen kleinen Parthieen zugleich das Amt eines Bibliothekar's. Die Billets wurden im Bibliothekzimmer verkauft, und als ich eines Tages hinter der Thür auf einer Leiter stand, um ein Buch herunterzulangen, trat ein Herr herein, kaufte sich Billets und ließ sich den Zettel des aufzuführenden Stückes zeigen. "Was?" rief er und hielt mit Einemmale im Lesen an, "schon wieder der Herzberg? Herr Direktor, können Sie denn den Menschen nicht aus Ihrer Gesellschaft entfernen? der treibt ja mit seinem Spiel alle Leute zum Tempel hinaus!" Mein Schreck, den ich oben auf der Leiter bekam, war furchtbar, und es fehlte nicht viel, so wäre ich hinabgestürzt.
       Bei Erwähnung seines ersten Direktors mag es als ein merkwürdiges Factum hier angeführt werden, daß dieser Hr. Lange ihn kurz vor seinem Tode besuchte -- nachdem sie sich in beinahe dreißig Jahren nicht gesehen hatten. Dieser Mann also führte ihn ein in die theatralische Welt und reichte ihm die Hand beim Ausscheiden aus derselben. --
       Sein ferneres Fortschreiten bis zur Sonnenhöhe der Kunst ist zu bekannt, als daß hier davon noch irgend etwas Neues erwähnt werden könnte; aber sein höchst romantisches Hinscheiden soll die letzte dieser, für alle Freunde des großen Mannes, gewiß interessante Skizzen sein.
       Als ihm am 29sten December 1832, Abends 9 Uhr, sein Arzt verließ, gab dieser der trauernden Gattin die Versicherung, daß Nichts zu befürchten sei. Devrient befand sich auch ziemlich wohl, und las im "Cabanis" von W. Alexis bis gegen eilf Uhr. Jetzt überfiel ihn mit einem Male eine ungeheure Angst, und er rief immerzu nach Licht. Erst, als man acht Lichter angebrannt hatte, beruhigte er sich und bat seine Gattin, ihr Pianoforte in sein Zimmer schaffen zu lassen, und ihm die Ouvertüre aus Don Juan vorzuspielen. Es geschah. Als sie geendet hatte, bat er um Wiederholung, dann wieder, und so fort bis gegen Morgen. Dann sah er starren Blickes hinauf nach dem Bilde seines verstorbenen Freundes, des genialen Hoffmann, welches über seinem Bette hing. "Was willst Du von mir Hoffmann?" rief er, "lass' mich in Ruhe! Du bist niemals Klassiker gewesen! Mein Urtheil hab' ich gehört! Ich sterbe noch nicht! Ich bin erst 50 Jahre alt! Hierauf wurde er ruhig; ein mildthätiger Engel schien dem Leidendem Kühlung zuzufächeln; -- er griff nach dem Buche, wollte lesen, holte tief Athem und -- Ludwig Devrient war todt.
       
       Patricia Calkins © 2000, Patricia K. Calkins. Last updated September, 2000.